Familie & Partnerschaft

Mit dem Ex über Erziehung reden

Trennung der Eltern Foto: © Helder Sousa - Fotolia.com Trennung der Eltern

Der Austausch getrennter Eltern wird in der Pubertät auf eine harte Probe gestellt. Alte Konflikte können neu aufbrechen, für manche Kinder steht während der Pubertät ein Wohnortwechsel an. Konkrete Absprachen können getrennt lebenden Eltern helfen, diese Zeit zu meistern.

Mehr Selbstständigkeit wagen

In den letzten drei Jahren lief es ganz gut. Aber seit ein paar Wochen zickt Jonas ständig rum. Er räumt nicht auf, kommt zu spät nach Hause, gibt patzige Antworten, tigert unruhig in der Wohnung herum. Eigentlich ganz normal in der Pubertät. Wenn Christine nicht von Jonas Vater Martin getrennt leben würde.

Denn Jonas will nicht mehr die üblichen Besuchszeiten einhalten. Er will freier entscheiden, wann er seine Papa-Tage hat. Schließlich will er mal am Wochenende bei Freunden übernachten, Fußballspiele stehen an, die kostbare Papa-Zeit kosten, manchmal muss er für Klassenarbeiten lernen – er will mit 14 Jahren einfach mehr selbst bestimmen.

Christine versteht das gut. Allerdings sind die Absprachen mit Martin nicht immer einfach. Als selbstständiger IT-Spezialist muss er viel reisen und hat deshalb auch schon häufiger Besuchstermine abgesagt oder verschieben müssen. Für Christine war das nicht immer leicht zu organisieren. Aber in der letzten Zeit lief es gut. Und das soll jetzt alles wieder geändert werden, nach Laune und Bedürfnis von Jonas?

Weitere Informationen

5 Tipps für Gespräche mit dem Ex-Partner

  • Legt Anfang und Ende des Gesprächs zeitlich verbindlich fest. Überlange Debatten führen oft zu Ärger und Hakeleien.
  • Legt vorher fest, worüber ihr reden wollt. Auch dieser Katalog sollte verbindlich sein und nicht spontan ausgeweitet werden.
  • Bleibt bei der Themenwahl so konkret wie möglich. Nicht „allgemein darüber reden, wie es Jonas geht“, sondern über seine Probleme mit der Grammatik, seinen Ärger mit der Lehrerin oder seine Freundschaften im Sportverein.
  • Absolutes Tabu: Die neue Familie des anderen Elternteils. Über das, was dort am Frühstückstisch passiert, hat niemand außerhalb dieser Familie zu befinden. Eine solche Einmischung würdet ihr bei euch selbst ja auch nicht dulden.
  • Anerkennen, wenn es Themen gibt, über die der Ex-Partner nicht sprechen möchte. Gerade das schafft Vertrauen.

Beratungsstellen für Familien vor Ort:
www.bke.de/virtual/ratsuchende/beratungsstellen.html?SID=0BB-89B-2B7-BB9

Getrennte Eltern bleiben ein Team

„Eltern sind jetzt besonders als Team gefragt“, sagt Detlef Jansen, Pädagoge bei der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Arbeiterwohlfahrt Göttingen. Die Jugendlichen werden eigenständiger, melden stärker ihre Bedürfnisse an. Er empfiehlt, dass die Eltern in einem Fall wie dem von Jonas über eine Änderung der Besuchsregelung nachdenken sollten.

„Bedürfnisse der Kinder nach mehr Freiraum und Selbstbestimmung müssen ernst genommen werden. Und als solche sollten Eltern das auch sehen, nicht als Missgunst des anderen Elternteils oder gar Intrige verstehen.“ Ein No-Go sei es, den anderen Elternteil vor dem Kind herabzusetzen: „’Dein Vater war noch nie zuverlässig’ oder ähnliche Aussagen stürzen das Kind in Loyalitätskonflikte und verschärfen die Problemlage nur“, so Jansen. „Wut und Ärger über den anderen Elternteil sind erlaubt, aber nicht vor dem Kind. Ehrlichkeit und Authentizität sind gut, aber das heißt ja nicht, dass jedes Gefühl an jeder Stelle gezeigt werden sollte.“

Wenn das Kind bei Papa wohnen will

Christine hat Angst, dass Jonas ganz zu seinem Vater ziehen möchte. Sie will ihn nicht verlieren, aber auch seiner Entwicklung nicht im Wege stehen. Eine solche Entscheidung ist weitreichend und bestimmt das weitere Leben des Kindes und der Eltern. Daher braucht die Entscheidung Zeit und reife Überlegung. „Ein in der Wut hervorgebrachtes ‚dann geh doch zu deinem Vater’ ist sicher nicht hilfreich für die Ablösungsprozesse des Kindes und der Mutter“, meint Jansen. Wenn der Gedanke an einen Wohnortwechsel auftaucht, sollte man gut beobachten, ob er nur einmal geäußert wird oder häufiger, in welchen Situationen, aus welchen Emotionen er gespeist wird. „Erst wenn man das für sich geklärt hat sollte man das Gespräch mit dem Ex-Partner suchen“, rät Jansen.

Und natürlich das Gespräch mit dem Jugendlichen. Denn in der Regel muss er einiges aufgeben: Mit dem Wohnortwechsel geht meist ein Wechsel der Schule, des Sportvereins, der vertrauten Umgebung einher. Dazu gehören selbstverständlich auch die Freunde, die täglich erreichbar sind. „Viele Jugendliche überblicken die Tragweite nicht, da muss man mit ihnen das Für und Wider erläutern“, sagt der Pädagoge.

„Mitgenommene“ Verhaltensmuster

Selbstverständlich kann ein Wohnortwechsel auch positive Folgen haben. Jonas fühlt sich in seiner Schulklasse nicht wohl, es besteht der Verdacht, dass er gemobbt wird. „Ein guter Lehrer an einer anderen Schule kann da sehr positiv wirken“, meint Jansen. „Oft wirken aber negative Verhaltensweisen fort.“ Wenn der Streit bei Papa genauso verläuft wie bei Mama zeigt es, dass Verhaltensmuster „mitgenommen“ wurden. Dann sollte die professionelle Hilfe einer Beratungsstelle angenommen werden.

Christina, Martin und Jonas haben eine neue Regelung gefunden. Von Martin verlangt das, vielleicht auch einen Auftrag auf später zu verschieben oder gar abzulehnen. Sein Sohn ist ihm das selbstverständlich wert, auch wenn ihm der mögliche finanzielle Verlust Bauchschmerzen bereitet. Das machte Jonas sofort zugänglicher, er fühlte sich akzeptiert und konnte auch die Seite seines Vaters und seiner Mutter sehen. „Nicht eitel Sonnenschein“, resümiert Christina, „aber eine tragfähige Gesprächsbasis für die Zukunft haben wir gefunden.“

Letzte Änderung amDienstag, 22 Juli 2014 15:30
Ralf Ruhl

Ralf Ruhl arbeitet als selbstständiger Journalist und Redakteur. Er lebt mit seiner Familie in Göttingen. Seine Kinder haben die Pubertät hinter sich. Und er auch. Glaubt er...

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